Diabetes beim Hund

Im Oktober 2006 zog meine Katzenoma Petra bei mir ein – und mit ihr eine mir bis dahin kaum bekannte Krankheit: Diabetes mellitus, die “Zuckerkrankheit”.

Unsere Diabetes Ausrüstung: ein Blutzuckermessgerät und passende Teststreifen, eine Stechhilfe, Insulinspritze mit IE

Unsere Diabetes Ausrüstung: ein Blutzuckermessgerät und passende Teststreifen, eine Stechhilfe, Insulinspritze mit IE

Leider sind die Empfehlungen der Tierärzte meiner Erfahrung nach nicht immer ganz auf der Höhe der Zeit, weshalb sich Halter von Diabetes-Tieren oftmals selbst möglichst umfassend informieren möchten.

Gerade bei der Behandlung dieser Krankheit ist der Einsatz des Besitzeres sehr wichtig,  deshalb möchte ich zu der Krankheit beim Hund einige allgemein Informationen beitragen. Die allerwichtigste Information gleich am Anfang ist: Diabetes ist kein Todesurteil!

Viele Informationen und Hilfe für Betroffene bietet die Seite zuckerhunde.de Weitere Quellen sind am Ende des Textes vermerkt.

Definition

Diabetes bedeutet, dass der Körper nicht genügend Insulin produziert („absoluter Insulinmangel”) bzw. die Wirkung des Insulins im Körper nachlässt („relativer Insulinmangel“).

Als Folge davon kann vor allem der wichtige Energielieferant Glucose nicht mehr in die Zellen transportiert werden. Der Körper produziert mehr Glucose, um den vermeintlichen Mangel auszugleichen und baut (bspw. in Form von Glykogen) in Muskeln gelagerte Glucose ab.

Der Blutzuckerspiegel steigt, da die aufgenommene und freigesetzte Glucose im Blutkreislauf verbleibt, statt von den Zellen aufgenommen zu werden. Im Blut häuft sich die Glucose, während die Zellen “leer ausgehen”.

Beschreibung

Diabetes mellitus ist eine der häufigste Erkrankungen des Hormonsystem (endokrines System) bei Hunden. Unter 100 / 500 Tieren erkrankt mindestens eines (Panciera et al. 1990). Bei Hunden sind eher Tiere mittleren bis älteren Alters betroffen, ein Großteil der Tiere sind weiblich, unkastrierte Hündinnen haben eine höhere “Anfälligkeit”.

Zahlreiche Halter von Diabetes-Katzen beobachten häufig einen cortison-induzierten Diabetes mellitus, dies ist auch beim Menschen bekannt. Cortison kann Diabetes auslösen. Dies kann auch nach kurzfristigem Einsatz von Cortison auftreten, nicht nur nach langfristigem!

Eine Übersicht, welche Hunderassen ein höheres Risiko für Diabetes melittus zu haben scheinen, ist auf der Caninsulin-Seite HIER aufgelistet.

Symptome

  • Das Tier frisst vermehrt! Zwar nimmt es genügend Glucose auf, kann sie jedoch nicht verwerten. Dies nennt der Mediziner „Polyphagie“.
  • Trotz vermehrtem Fressen nimmt der Hund nicht zu oder nimmt sogar ab, oft auch Muskelmasse.
  • Der Körper entledigt sich der überschüssigen Glucose über die Nieren – dadurch entstehen zwei weitere sehr „klassische“ Symptone: vermehrtes Trinken & vermehrtes Urinieren, im Fachjargon „Polydipsie“ und „Polyurie“.
  • Häufig wird das Haarkleid stumpf und oft schuppt die Haut und wird trocken und evtl. blass.
  • Bei Trübung der Augenlinse (grauer Star) und relativ plötzlicher Verschlechterung des Sehvermögens sollte ebenfalls an Diabetes gedacht werden. Der graue Star kann bei Diabetes innerhalb weniger Tage entstehen!
  • Auffälligkeiten in der Beweglichkeit gerade der Hinterbeine oder des Schwanzes – vor allem „eingeknicktes Laufen“ können durch Nervenstörungen (diabetische Neuropathie) entstehen.
  • Bei Diabetes können unterschiedlich ausgeprägt Verhaltensänderungen auftreten wie zum Beispiel: auffallende Müdigkeit Unruhe, Schwäche – teilweise mit Zittern, Teilnahmslosigkeit oder im Gegenteil erhöhte Erregbarkeit, Reizbarkeit, Aggressivität
  • Die (Spät)folgen des Diabetes sind zahlreich und reichen von diabetischer Neuropathien (Nervenstörungen) über diabetische Nephropathie (Nierenversagen) zur Ketoazidose (lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisung) u.v.m.

Diagnose

Der wichtigste Laborparamater für die Diagnose ist das Fructosamin. Dieser Wert erlaubt eine Aussage über den Blutzuckerspiegel von ca. 2-3 Wochen.

Der Wert Glykosyliertes Hämoglobin (GHb) wird manchmal verwendet, er erlaubt eine Aussage über den Blutzuckerspiegel von ca.  2-3 Monaten. Der Test ist allerdings nicht überall verfügbar und nicht so effektiv wie die Bestimmung des Fructosamins.

Glucose wird teilweise noch zur Diagnostik herangezogen – hier kann die Konzentration in Blut oder Urin gemessen werden.  Allerdings ist dieser Wert eine Momentaufnahme des aktuellen Blutzuckerspiegels und eignet sich dadurch alleine nicht zur Diagnose! Glucose steigt bspw. durch Stress an und  vorangegangene Nahrung verändert den Wert. Im Urin ist Glucose beim Hund erst messbar, wenn der Blutzuckerspiegel über der Nierenschwelle liegt – ca. ab 180 mg/dl (Referenz ungefähr bis 100 mg/dl) und stellt einen Mittelwert dar. Beide Methoden eignen sich nicht zur Diabetesdiagnose!

Behandlung

Insulintherapie

Die Behandlung erfolgt in erster Linie über die Gabe von Insulin. Ziel ist es, den Blutzuckerspiegel stabil auf ein möglichst körperschonendes Maß einzustellen.

Das erste Insulin, dass i.d.R. gegeben wird, ist Caninsulin, das einzig für Tiere zugelassene Insulin. Passt dieses Insulin nicht, kann auch auf andere, für Menschen zugelassene Insuline ausgewichen werden. Die unterschiedlichen Insulinwirkungsprofile & Handhabungen sind ein sehr umfangreiches Thema und sollen hier nicht ausgeführt werden.

Die wichtigsten Punkte bei der Insulintherapie sind:

  1. Die Insulin-Einstellung des Tieres liegt in der Hand des Tierhalters, der Tierarzt sollte immer beratend zur Seite stehen. Es macht keinen Sinn, ein Tier in der Praxis einstellen zu lassen, da dort verschiedenen Faktoren (Stress, anderes Futterverhalten etc.) den Blutzuckerspiegel beeinflussen und die benötigte Insulinmenge in gewohnter Umgebung ganz anders aussehen kann!
  2. Das A und O ist: Regelmässige Kontrolle des Blutzuckerwertes! Da Glucose erst über den Urin ausgeschieden wird, wenn der Blutzuckerspiegel die Nierenschwelle erreicht hat, ist diese Art des Messens nicht genau genug. Der Urintest erlaubt nur eine ungefähre Aussage des Blutzuckerspiegels über den Zeitraum einiger Stunden und gibt keinen exakten Wert wieder.

Ein in der Tierarztpraxis ermittelter, einzelner Wert ist immer nur eine Momentaufnahme und u.U. durch Aufregung verändert. Deshalb eignen sich weder die Kontrolle des Urins noch regelmäßiges Messen in der Praxis!

Bingo kennt keine Angst vor dem Messgerät. Foto: Bärbel Wittor/Zuckerhunde-Projekt

Bingo kennt keine Angst vor dem Messgerät. Foto: Bärbel Wittor/Zuckerhunde-Projekt

Deshalb gilt: die regelmässige Kontrolle des Blutzuckers, Insulin spritzen, das Erstellen von Tagesprofilen zur Kontrolle der Insulinwirkung – all das ist Aufgabe des Halters! Dieses “Hometesting” wird in Deutschland erfreulicherweise immer mehr akzeptiert und von immer mehr Tierärzten empfohlen.

Der Blutzuckerwert muss mindestens vor jeder Spritze gemessen werden. Nur so kann die Insulindosis an den tatsächlichen Blutzuckerspiegel angepasst werden. Sinkt der Blutzuckerspiegel auf einen atypisch tiefen Wert und der Hund bekommt eine feste Dosis Insulin, kann dies im schlimmsten Fall zum Tode führen – deshalb ist dieser Punkt so wichtig!

Die Reihenfolge ist: Messen, Füttern, Spritzen. Insulin sollte nicht vor dem Fressen gegeben werden! Wenn das Tier aus irgendeinem Grund nicht frisst – das kommt in den besten Familien vor  – wirkt das Insulin ungebremst, was zu einer schweren Unterzuckerung bis hin zum Tode führen kann.

Es gibt Glucometer – also Messgeräte für Blutzuckerspiegel – die mit kleinster Menge kapillarem Blut, das aus der Innenseite des Ohrs – hier ein Bild – entnommen werden kann, messen.

Auf diesen Seite werden Geräte vorgestellt, die mit sehr kleinen Mengen Blut messen: katzendiabetes.de – Glucometer und zuckerhunde.de – Blutzuckermessgeräte im Test.
Das Blutnehmen an den Ohren ist nicht schmerzhaft, da an der Innseite der Ohren verhältnismäßig wenige Schmerzrezeptoren sitzen. Das tägliche Messen kann man mit dem Tier wunderbar trainieren, ebenso wie die tägliche Spritze.

Ernährung bei Diabetes

Das Futtermangagment ist ein wichtiger Punkt in der Therapie  und eine “kleine Wissenschaft” für sich. Da ich  hier nur im Bereich “Katze” Erfahrungen haben, möchte ich dies nicht detaillierter ausführen.

Wichtig ist, dass das Futter an die Krankheit angepasst wird. Vor allem die Kohlenhydratzufuhr ist zu beachten – unnötig viele und leicht verdauliche Kohlenhdyrate treiben den Blutzuckerspiegel oft sehr hoch und lassen ihn relativ schnell wieder abfallen.

Wie beim gesunden Tier – oder bei anderen Krankheiten – gilt es, dass Futter individuell auszuwählen. Hier kann über die Kontrolle des Blutzuckers sehr verlässlich herausgefunden werden, welches Futter beim eigenen Hund welchen Einfluß auf den Blutzuckerspiegel hat.

Kontrolle der Ketone

Gerade während der Einstellung sollte regelmäßig auf Ketone getestet werden. Der Körper bildet bei zu niedrigem Blutzuckerspiegel Ketone, die an die Fettreserven gehen und den Körper mit Energie versorgen. Das ist ein Stoffenwechselvorgang, der sich Ketose nennt und erst mal nicht schlimm ist. Bei Diabetikern jedoch kann ein Insulinmangel – wenn bspw. die Dosis zu niedrig ist, der Blutzuckerspiegel zu hoch – zu einer Stoffwechselentgleisung führen, der Ketoazidose. Eine diabetische Ketoazidose kann tödlich enden, wenn sie nicht schnell behandelt wird!

Ketone kann man einfach und unkompliziert mit Urinteststäbchen messen. Es gibt mittlerweile auch Blutketone-Messgeräte, allerdings sind diese teuer und die Erfahrung bei Tieren noch nicht 100% sicher.

Aussichten

Diabetes ist kein Todesurteil!

Bild Zuckerhunde-Projekt

Nur ein Hauch Insulin – und Spitzenwerte! Mischlingshünding Sandy, seit zwei Jahren Diabetikerin. Foto: Annette Paulick/Zuckerhunde-Projekt

Diesen Satz kann man eigentlich nicht oft genug wiederholen – es gibt Tierärzte, die Tiere bei Diabetes Diagnose einschläfern!

Als Bezugsperson wird man mit der Behandlung sehr schnell routiniert  - Blutzucker messen und Insulin spritzen wird selbstverständlich, die Auswertung der Werte einfacher und nach einer – zugegebenermaßen manchmal anstrengenden – Eingewöhnungs- und Lernphase läuft es beinah wie von selbst.

Bei sorgfältiger Behandlung können diabetische Tiere noch sehr viele Jahre bei gutem Allgemeinzustand leben. In manchen Fällen ist der Diabetes auch reversibel, dass heisst, der Körper reguliert sich soweit wieder selbst, dass der Hund kein Insulin mehr braucht.

Der richtige Tierarzt…

…untersucht gerade bei der Diagnose den Hund umfassend, macht eine ausführliche Anamnese und Allgemeinuntersuchung und eine ausreichende Differentialdiagnostik!

… diagnostiziert Diabetes nicht anhand eines einzelnen Blutzuckerwertes… er sagt nicht, dass das Tier eingeschläfert werden muß wegen der Krankheit… er sagt nicht, dass das Tier einzig und allein mit dem speziellen Tierarztfutter behandelbar ist und Insulin keine geeignete Therapiemöglichkeit ist.

…informiert den Tierhalter über mögliche Folgen der Diabetes und deren Vorbeugung, ebenso über Faktoren, die den Diabetes beeinflussen -  bspw. die Zähne!

…weiß idealerweise, wie wichtig das Heimtesting ist und erklärt dies als das, was es ist – entscheidender Bestandteil der Behandlung. Fehlt im die Erfahrung mit dem Hometesting, lehnt er dies zumindest nicht ab und ist bereit, den Tierhalter entsprechend bei der Methode zu unterstützen. Er kennt sich mit der Krankheit aus, er erklärt dem Tierhalter alles genau, auch dessen Aufgaben.

…weiß, dass mit einer relativ niedrigen Dosis Insulin gestartet wird und dass zuviel Insulin verantwortlich sein kann für einen zu hohen Blutzuckerspiegel!

…rechnet in IE (Internationalen Einheiten) und nicht in ml (Millilitern). IE ist die international definierte Standard-Maßeiheit – ein Mediziner, der Insulin noch in ml verordnet, hat viele Jahre Entwicklung verpasst. 1 ml von einem U40er Insulin enthalten 40 IE Insulin! Die empfohlene Einstiegsdosis liegt zwischen 0,25 bis 0,5 ml je Kilo Körpergewicht – damit wird recht deutlich, welche Menge 40 IE sind. Mit ml Spritzen sind feine Dosierungen und Dosisanpassung schlicht nicht möglich.

…informiert sich über die Behandlung der Krankheit, sofern ihm die praktische Erfahrung fehlt, er ist kooperations- uns gesprächsbereit, bietet gerade in der manchmal schwierigen Anfangszeit seine Unterstützung an.

Dies war ein sehr sehr kleiner und allgemeiner Einblick in die Materie.

Danke…

…an eine ehemals sehr dicke, sehr verstrubelte und ungepflegte Katzendame, die eigentlich am 30.10.2006 aufgrund ihres Diabetes und ihres Alters einen Tierarzt-Termin zum “Erlösen” hatte und die mich sehr viel gelehrt hat über Verantwortung, Überwindung und das (sehr!) frühe Aufstehen am Wochenende.

Petra

Unsere ehmalige Zucker-Oma